Loslassen - oder "wie man einen Affen fängt"

In Indonesien fängt man Affen mit einem einfachen Trick: man steckt eine Orange in einen Kürbis. Der Affe möchte die Frucht gerne haben,  steckt seine Hand hinein und umfasst diese. Leider kann er seine Hand nun nicht mehr herausziehen. Dumm gelaufen - man könnte meinen, der Affe lässt los, um sich zu befreien - tut er aber nicht. So bleibt er an Ort und Stelle gefangen (aus "Das kleine Übungsheft: Loslassen" von R. Poletti & B. Dobbs).

 

Uns geht es doch, wenn wir ehrlich sind, oft ähnlich wie unseren Tierverwandten: wir können oder wollen nicht loslassen,  obwohl es uns daran hindert, weiter zu kommen. Oder, vielleicht noch öfter der Fall, wir merken nicht einmal, dass wir gerade festhalten. Oft laufen die alten Gedanken- oder Verhaltensmuster ganz automatisch ab und wir denken und handeln unbewusst. Diese Automatismen haben oft eine starke "Sogwirkung" (Grawe spricht von "Attraktoren") - Altbekanntes funktioniert schnell und ohne Aufwand. Sind die alten Muster erstmal "in Fahrt", sind sie schwer zu stoppen. Insbesondere, wenn die Gedanken- oder Verhaltensmuster dysfunktional sind, d.h., sie uns nicht weiterbringen oder sogar schaden, sollten wir uns "Loslassen" zum Ziel setzen. Sie  uns bringen uns und anderen Leid: oft leiden außer uns selbst auch die Menschen darunter, die uns etwas bedeuten: unser Partner, unsere Kinder, Familie und Freunde. Aber auch um unserer Selbst willen: wenn wir nicht loslassen, z.B. Negativität im Denken und Handeln, verstärken wir diese immer mehr und nähren negative Gefühle wie Wut, Traurigkeit etc.

 

Nicht selten kommt es zum "Wiederkäuen" von Negativität, z.B. dass man sich immer wieder über etwas aufregt, was schon vorbei ist, oder es in Gedanken noch ein paar mal durchlebt. Wäre dies eine Übung zum Mehren der Freude in unserem Leben, so wäre es eine besonders wirkungsvolle (positive Ereignisse möglichst oft gedanklich oder verbal - z.B. in einem "Glückstagebuch" - "wiederkäuen"). Sind die Inhalte allerdings negativ, so praktizieren wir einen sehr effektiven Weg zum Unglücklichsein und möglichst auch bleiben. Wir verharren im Problem und stecken fest - genau wie der Affe. Aber Loslassen ist leichter gesagt als getan. Und geht das überhaupt "auf Knopfdruck", nur weil wir uns das vornehmen? Ja und nein. Loslassen ist, ähnlich wie Entspannung, nichts, was wir "auf Kommando" einfach so können, außer vielleicht nach langem Training.

 

Entspannung  z.B. kann man trainieren und - je geübter man ist - dann auch recht schnell "abrufen" wenn man sie braucht (z.B. durch Verfahren wie PMR oder Autogenes Training). Jedoch setzt das neben viel Übung auch Bewusstheit voraus, d.h., wir müssen erst einmal merken, dass wir gerade an etwas festhalten, was uns nicht weiterbringt, uns blockiert, belastet oder schadet. Und wir müssen uns aktiv dafür entscheiden, entgegen dem "Magnetismus" dieser alten Muster zu handeln. In den meisten Fällen, wenn das alte "Programm" schon läuft, braucht es einen klaren cut - eine Unterbrechung. Dies kann z.b. ein innerliches "Stop!" sein oder ein Verlassen der Situation. Wenn starke Emotionen im Spiel sind, ist ein "Runterkommen" durch z.B. kurze, anstrengende körperliche Aktivität, eine Dusche, eine Atemübung etc erforderlich.

 

In der Schematherapie spricht man von fünf Schritten, um ein altes "Schema" (Muster) zu verändern:

 

 

1) Benennen der Auslösesituation und der auftretenden Gefühle

 

2) Erkennen, woher dieses Muster kommt (meist aus der eigenen Geschichte) und wie wir gewöhnlich damit umgehen (alte Bewältigungsversuche wie Vermeidung, Erduldung, Kompensation)

 

3) Anerkennen der aktuellen Verhaltensweise als altes Muster, ohne sich dafür abzuwerten oder zu verurteilen. Dass wir so denken oder handeln, hat Gründe und eine Geschichte. Idealerweise können wir unsere dahinter stehenden Bedürfnisse erkennen (z.B. nach Kontrolle oder Sicherheit). An dieser Stelle übernehmen wir Verantwortung.

 

4) Trennen bzw. Loslassen von den alten Gedanken und Verhaltensmustern - wir entscheiden uns neu.

 

5) Einbrennen einer neuen, besseren Alternative : d.h., durch wiederholtes Einüben der neuen, bewussten und konstruktiveren Alternativen bilden sich in unserem Gehirn neue Verknüpfungen - wir bahnen sozusagen neue Wege. Die alten Muster können entgegen früherer Annahmen nicht gelöscht werden. Wir können jedoch diese immer seltener nutzen und somit abschwächen und parallel die neuen stärken.

 

Aus dieser Reihenfolge ergibt sich der Name B-E-A-T-E  (kann man sich besser merken)

 

 

Klingt anstrengend? Ist es auch; es ist Arbeit und kostet Kraft. Aber es lohnt sich! Und es setzt Achtsamkeit voraus - innezuhalten und eine neue Wahl zu treffen: Ich lasse das jetzt los. Hierbei können uns kleine und von Zeit zu Zeit auch größere Rituale helfen. Im Kleinen kann das ein bewusstes Ausatmen und Schulter fallenlassen sein, oder am Abend noch einmal zu schauen, was man aus seinem Geist und Körper noch loslassen möchte. Einer schreibt hierfür Tagebuch, eine andere macht Yoga oder spricht mit jemandem darüber, wieder ein anderer nimmt ein heißes Bad.

 

Aber auch in einem etwas größeren Rahmen, z.B. mit ein paar Freunden/Freundinnen ein "Let go Ritual" zu veranstalten, bringt Freude und Befreiung. Probier es doch einmal aus: schreibe eine "Lettin go List" oder einen Brief an Dich selbst, mit allem, was du loslassen und wovon du dich befreien möchtest. Zu diesem Anlass kannst du auch ein paar Sachen ausmisten (Bücher, die du nicht liest; Kleidung, die du nicht trägst; Briefe von Verflossenen...). Es bietet sich an, die Liste/den Brief zu verbrennen - entweder allein für dich oder eben mit anderen.

 

Gestalte dein Ritual ganz wie es dir gefällt!

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Kommentare: 2
  • #1

    Maria (Montag, 01 Oktober 2018 21:02)

    Liebe Sunniva,

    du hast einen gut recherchierten und formulierten Artikel geschrieben - und vor allem einen sehr hilfreichen.
    Manchmal reicht es tatsächlich, schlechte Gefühle einfach "wegzuatmen", manchmal jedoch nicht und dann ist es wichtig, die dahinter liegenden Gedanken zu identifizieren und sich damit zu beschäftigen. Wie du schon sagst: benennen! Wenn ich dem Kind einen Namen gebe, tauche ich auf aus dem amorphen Sumpf von Negativität, Depression, einfach Schlechtfühlen. Dann kann ich das Alte - meistens handelt es sich um etwas Altes aus der Vergangenheit - bewusst loslassen und durch neue, hilfreiche Affirmationen, Gedanken, Gefühle ersetzen.

    Dass es etwas loszulassen gilt, erkenne ich eigentlich immer daran, dass es mir schlecht geht. Diese Tatsache dann erstmal zu akzeptieren, einfach weil sie da ist, ist der erste Schritt zur Veränderung. Im Grunde erscheint am Horizont eine riesengroße Erleichterung, wenn ich das, was ist, akzeptiere. Das heisst aber eben nicht, dass ich mich damit abfinde, sondern ich treffe die Wahl, es mir gut gehen zu lassen, indem ich das, was mich quält, loslasse.

    Und das kann ich sofort, im Hier und Jetzt. Wenn ich meditiere, lasse ich ALLE Gedanken und Gefühle los. Ich schau sie mir an und lasse sie weiterziehen. Ich gehe mit meiner Aufmerksamkeit zu meinem Atem. Der Atem ist ein wichtiges und sehr gutes Werkzeug fürs Loslassen. Ich stelle mir vor, dass ich mit jedem Ausatmen alles, was mich belastet, loslasse. Mit jedem Einatmen lade ich alles ein, was mir gut tut.

    In der Meditation kommt es nicht so sehr darauf an, die Dinge zu benennen, da ich bei jedem Auftauchen von Gedanken und/oder Gefühlen einfach wieder zu meinem Atem zurückkehre.

    Loslassen hat für mich auch viel mit Vergebung zu tun. Wenn ich anderen oder auch mir verzeihe und mich versöhne, kann ich das, was mich im Negativen fesselt, loslassen und frei werden, neue Wege zu gehen, eine neue Gegenwart zu leben und damit eine neue Zukunft zu erschaffen.

    Loslassen ist oft nicht einfach und muss immer wieder wiederholt werden. Wenn mensch mal damit angefangen und die Freiheit, die es uns schenkt, gekostet hat, wird es leichter und leichter, sich dessen zu erinnern und es zu praktizieren.

    Ein schönes Ritual (nicht von mir) ist es, an einem echten oder imaginären Feuer zu sitzen und sich vorzustellen, dies wäre das Feuer der bedingungslosen Liebe, in das ich alles werfe, was mich behindert, was mich traurig und verzagt, was mich wütend oder selbstzerstörerisch macht. Das Feuer der bedingungslosen Liebe mag dann alles verwandeln in Freude, Zuversicht, Hoffnung und - ja Liebe.

    Loslassen bedeutet auch, den Blick zu lösen von den immer gleichen Bildern und ihn schweifen zu lassen, neue Perspektiven, neue Betrachtungswinkel einzunehmen. Wenn ich Probleme von anderen Beobachtungsposten aus betrachte, stellen sie sich mir anders dar, enthüllen womöglich ihre Botschaft, die ihre Lösung beinhaltet.

    Was du über Loslassen geschrieben hast, hilft mir, wenn ich depressiv bin. Ich bin dann ewig müde, habe zu nichts Lust, habe an nichts Freude. Wenn ich das akzeptiere, einfach weil es da ist, geht es mir schon gleich besser, weil dieser Druck von "..eigentlich müsste ich...", "...eigentlich dürfte ich nicht..." dann gleich viel geringer ist. Der nächste Schritt ist dann, die Gedankenmuster, die hinter diesen Verhaltens- und Gefühlsmustern stecken, aufzuspüren und in klare Worte zu fassen -
    und sie dann loszulassen.

    Das ist natürlich nicht einfach und gelingt nicht einfach so. Wie du schreibst - es erfordert beharrliches Üben, Trainieren, Praktizieren.
    Depressionen sind sehr hartnäckig, sie verschwinden nicht wie weggeblasen. Aber sie sind zu knacken und wenn nicht gleich, dann bald. Manchmal erinnern sie mich daran, mir eine Auszeit zu gönnen - die kann ich mir gestatten, wenn ich mich von dem Druck, die Depression hinter mir lassen zu wollen/müssen, löse. Loslasse.

    Ich freue mich darauf, noch mehr von dir zu lesen!

  • #2

    Melanie (Donnerstag, 04 Oktober 2018 23:34)

    Vielen Dank für diesen Beitrag. Er hat mich zum richtigen Zeitpunkt erwischt. Habe mich gerade getrennt und bin dabei einiges los zu lassen was mich jahrelang auf der Stelle treten ließ. Oft entsteht eine positive Kettenreaktion wenn man einmal anfängt loszulassen und ja auch eine Freude und Leichtigkeit durch die Befreiung. Das Let-go-ritual klingt spannend - ich werde es aber ganz für mich allein machen. Aber danke nochmal für das Thema - gerne mehr :)